4. Agrartag der VR Banken

„Nachhaltig“ wollen alle – aber wie?

Im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie diskutierten Agrarexperten die Zukunft der Welternährung.

Magdeburg, 16. Februar 2012 – Nachhaltigkeit in der Agrarwirtschaft – dieses Urprinzip wirtschaftlicher und ökologischer Sorgfalt – rückt immer mehr in den Fokus nicht nur in der Politik, sondern auch bei den Menschen. Was der Landwirt für die Weitergabe seiner Scholle an die nächste Generation von heute fast selbstverständlich beachten muss, kann jedoch nur betriebsindividuell entschieden werden. Die Nachhaltigkeit also im besonderen Spannungsfeld von Agrarpolitik und betriebsindividuellen Erfordernissen sowie gesellschaftlichen Anforderungen stand heute im Mittelpunkt des 4. Landwirtschaftlichen Unternehmertages der Volksbanken Raiffeisenbanken in Sachsen-Anhalt vor mehr als 900 Landwirten.

Nicht romantisieren, sondern für den Weltbedarf produzieren!

Agrarexperten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten zum Teil heftig über den richtigen Weg zu einer leistungsstarken Agrarwirtschaft, die im Einklang mit der Natur steht, sich aber dem Naturschutz als dem einzigen Ziel nicht unterordnet, sondern mit ihm gleichberechtigt agiert. Im Hinblick auf die prekäre Situation der Welternährung dürfe nicht romantisiert werden, sondern muss die Agrargrundlage für die Nahrungserzeugung in den nächsten Jahrzehnten weltweit mehr als verdoppelt werden. Sonst drohten allein in den ärmsten und bevölkerungsreichsten Ländern dieser Erde weitere Hungerkatastrophe und als Folge dessen Wanderungsbewegungen nie geahnten Ausmaßes, die auch uns in Deutschland erreichen werden.

Unter der Moderation des langjährigen Chefredakteurs der „agrarzeitung“ Dietrich Holler diskutieren Agrarminister Dr. Hermann Onko Aeikens, Manfred Nüssel, Präsident deutscher Raiffeisenverband e.V., Dr. Helmut Born, Generalsekretär Deutscher Bauernverband e.V., Prof. Folkhard Isermeyer, Präsident Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut, Martin Hofstetter, Agrarexperte bei Greenpeace e.V. sowie Dr. Ludger Breloh, Bereichsleiter strategischer Einkauf REWE Group.

1 ha ist 1ha – keine Ungleichbehandlung!

Dr. Hermann Onko Aeikens verortete den Begriff Nachhaltigkeit historisch in der Region mit den Anfängen der erstmaligen nachhaltigen Forstwirtschaft vor 300 Jahren – auch als Vorbild auch für die heutige Agrarwirtschaft. In Bezug auf die aktuelle EU-Agrarpolitik forderte er nachdrücklich die Gleichbehandlung auch der Mehrfamilienbetriebe in Form der Agrargenossenschaften: „Ein ha muss ein ha bleiben – der Erste ha muss genauso förderungstechnisch behandelt werden wie der Letzte, eine Ungleichbehandlung lehnen die Ost-Landwirtschaftsminister ab. Die Bürokratie darf bei der konkreten Umsetzung allerdings nicht die Oberhand gewinnen, was die Landwirte einseitig belasten würde.“

Gleichstellung mir den französischen Betrieben gefordert

Manfred Nüssel bestätigte diese Auffassung. Im Hinblick auf die Debatte der möglichen Kappung forderte er die Gleichbehandlung mit den französischen Agrarbetrieben, die ähnlich strukturiert sind wie die deutschen Agrargenossenschaften. Vor dem Hintergrund, dass global bis zu 50 Prozent der Nahrungsmittel nicht verzehrt, sondern ungenutzt verbleiben, sind gewaltige Anstrengungen nötig und möglich, diese Mangellage zu verbessern. Hierbei ist eine nachhaltige Landwirtschaft unerlässlich. Die notwendige Verdoppelung der Welternährung bis 2050 erfordert auch ein Umdenken beim Flächenverbrauch: „Täglich gehen allein in Deutschland durch Versiegelung und Ausgleichsflächen von mehreren Hundert ha auch für die Sicherung der Welternährung verloren.“

Das Thema der Nachhaltigkeit verknüpfte er auch direkt mit der genossenschaftlichen Rechtsform, die die Menschen und die Mitglieder in die Prozesse auch sozial mit einbindet. Ein Beweis sind die zahlreichen genossenschaftlichen Neugründungen im Energiebereich.

Einzelbetriebliche Zertifizierung sinnvoll

Prof. Folkhard Isermeyer geht davon aus, dass eine pauschale EU-Flächenstilllegung nicht kommen wird. Der Diskussionsprozess hierüber ist in vollem Gang. Nach seiner Meinung wird es dazu kreativer und intelligenter Lösungsansätze bedürfen. Er plädierte für eine einzelbetriebliche Zertifizierung: „Alle wollen wissen, wie die Prozesse auf dem Betrieb ablaufen – der Verpächter, der Nachbar und die Konsumenten“ – Transparenz ist das Gebot der Stunde! Hierzu bedarf auch funktionsfähiger Controlling- und Risikocontrolling-Instrumente.

Er kritisierte den Dreiklang der Nachhaltigkeitszertifizierung. Insbesondere stoße die ökonomische Nachhaltigkeit zwangsläufig an ihre Grenzen, da infolge des anhaltenden Strukturwandels nicht von „ewig-wirtschaftenden Betrieben“ auszugehen sei. So reduzierte sich in den vergangenen 50 Jahren allein die Zahl der Milcherzeuger von 1,2 Mio. auf heute 100.000.

200.000 Unterschriften für Entsiegelungs-Finanzierung

Dr. Helmut Born bezeichnete die Landwirtschaft als Problemlöser in vielerlei Hinsicht. In der Diskussion mit NGO`s setze der Bauernverband auf klare sachliche Argumente und Aufklärung, die NGO` besetzten eher die emotionsbeladenen Themen und finden hier vielfach Aufmerksamkeit der breiteren Bevölkerung, nicht aber der Fachleute. Der DBV spricht sich mit 200.000 Unterschriften für ein Entsiegelungs-Projekt aus, denn viele Flächen werden bei einem erwarteten Bevölkerungsrückgang um 17 Mio. Menschen bis 2050 nicht mehr gebraucht: Für jeden versiegelten Quadratmeter sollen damit auch wieder Quadratmeter entsiegelt werden. Auf den wieder freiwerdenden Flächen könne dann entweder die vorhandene Produktionskapazität genutzt werden, um entweder Nahrungsmittel für Export zu produzieren oder für die industrielle Nutzung von Bioenergie bereitzustellen.

Keine Ökodiktatur!

Agrarexperte bei Greenpeace Martin Hofstetter verwies agrarpolitisch auf Probleme des Klimaschutzes, der Biodiversität sowie auch auf die Tierwohldiskussion. Die Landwirtschaft in Deutschland verursache soviel CO2-Ausstoß wie die vier größten Braunkohlekraftwerke zusammen. Trotz notwendiger EU-Reform sei durch GAP die Freiheit des Landwirts in der Betriebsführung aber nicht gefährdet: „Ich möchte keine Ökodiktatur!“ Er widersprach der Forderung nach Erhöhung der Weltproduktion von Nahrungsgütern zur Bekämpfung des Hungers, da „schon heute die Weltkalorienerzeugung für 12 Mrd. Menschen ausreichend hoch ist.“

Nachhaltigkeit zur Beseitigung ökologischer und sozialer Missstände

Dr. Ludger Brehloh würdigte die Organisationsform der Genossenschaft als Voraussetzung für die Entwicklung zur heutigen REWE Group mit über 54 Mrd. Umsatz und 330.000 Arbeitsplätzen in 15 Staaten Europas sowie als Voraussetzung zum erfolgreichen Strategiewechsel hin in Richtung Nachhaltigkeit. Wichtig sei der REWE der Wechsel zu einer „Grünen Produkt- und Sortimentslinie“. In den strategischen Entwicklungsprozess bezieht das Unternehmen verschiedene Gruppen wie Produzenten sowie insbesondere Umwelt- und Verbrauchergruppen ein. Ziel sei es, soziale und ökologische Missstände auch in Drittländern zu minimieren. Hier war es wichtig, dass bereits vor mehr als einem Jahrzehnt die Umweltbewegung auf Missstände mithilfe der Medien aufmerksam gemacht und zu einer kritischen Hinterfragung eingefahrener Positionen veranlasst hat.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Bankdirektor Uwe Fabig aus Magdeburg die landwirtschaftlichen Gäste im Namen der VR Banken in Sachsen-Anhalt begrüßt und die traditionell starke landwirtschaftliche Ausrichtung der Genossenschaftsbanken betont. Die Volksbanken Raiffeisenbanken in Sachsen-Anhalt mit 260 Bankstellen und mehr als 300 Geldausgabeautomaten im Lande verkörpern eine Bilanzsumme von mehr als 4 Mrd. Euro. Das Kreditvolumen an die mittelständische Wirtschaft einschließlich Agrarsektor liegt bei 1,8 Mrd. Euro. und ist in 2011 gegenüber dem Vorjahr um mehr als 4 Prozent gestiegen – damit kann von einer Kreditklemme bei den VR-Banken keine Rede sein.

Im Agrarkredit wird sogar ein Zuwachs von rund 5 Prozent verzeichnet. Der Anteil des Kreditvolumens an die Agrar- und Ernährungswirtschaft liegt im langjährigen Schnitt bei über 10 Prozent der Gesamtkredite, obwohl der Anteil der Mitglieder in dieser Branche lediglich gut 1 Prozent beträgt. Deutschlandweit sind die VR-Banken seit vielen Jahren mit einem Anteil von rund 50 Prozent am Agrarkredit der größte Kreditgeber.